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Synopsis

Eine Geschichte mit neuen Meereswesen und einer unsterblichen Liebe am und im Meer.

Vor Jahren verschwand das Flugzeug, in dem Emmas Eltern saßen, spurlos über dem Meer. Eine Weile später wiederholt sich ein solches Ereignis. Emma wohnt seit dem Verlust ihrer Eltern bei ihrer Tante Mathilda auf Sylt und erhält plötzlich SMS-Nachrichten von einem gewissen Jamie, der behauptet Passagier der letzten Unglücksmaschine gewesen zu sein. Als sie Jamie später auf einer geheimnisvollen Insel trifft, die wie aus dem Nichts mitten im Meer auftaucht, erfährt sie, dass in den Tiefen des Meeres Gefahren lauern, die nicht nur ihr zum Verhängnis werden sollen. Zudem hat es sich der junge Evenfall, ein Meereswesen, in den Kopf gesetzt, Emma um jeden Preis zu seiner Gefährtin zu machen.

Trailer: https://youtu.be/QcsAtjk3KpQ


Chapter 1 und 2

Spurlos und Nachricht

Mit einem Wort: Hör nie auf mit diesen drei Dingen: Glaube, Hoffnung und Liebe. Und wisse, dass das Größte dieser drei Dinge immer die Liebe sein wird.
– Apostel Paulus –

Spurlos

Seit das Flugzeug meiner Eltern vor ein paar Jahren über dem Atlantik auf mysteriöse Weise verschwunden war, hegte ich ein gewisses Unbehagen dem Meer gegenüber. Nun ließ ich zum ersten Mal seit langer Zeit seine Wellen so nahe an mich herankommen, dass die auslaufende Gischt meine Füße überspülte. Ein Frösteln überlief meinen Körper und schien ihn mit Eiskristallen zu übersäen.
Nichts hatte sich geändert. Im Grunde wusste ich, dass ich dem Meer keine Schuld geben konnte, dennoch war mir sein Schweigen, seine Unergründlichkeit und seine Weite, die ich früher geliebt hatte, unheimlich geworden.
Ich war mir sicher, dass Mom und Dad zusammen mit den anderen Passagieren zu Gefangenen der Tiefen des Meeres geworden waren. Schon oft hatte ich davon geträumt. Nachtfantasien, in denen ich ihre aufgerissenen Münder sah, aus denen anstatt verzweifelter Schreie Wasserblasen stiegen, die mit mir zurück zur Oberfläche trieben. Jedes Mal versuchte ich bei Mom und Dad zu bleiben, nach ihnen zu greifen, sie mit mir zu nehmen, doch ich schaffte es nie. Der Meeresboden, in dem das Flugzeug feststeckte, hielt sie fest. Durch unsichtbare Seile waren sie mit ihm verbunden.
Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke bis zum Kinn und blickte über das Meer hinweg in das Abendrot, das sich über dem Sylter Wattenmeer ausdehnte.
Als Kind war ich hier oft mit meinen Eltern zusammen zu Besuch bei meiner Tante Mathilda gewesen, bei der ich nun bereits seit fünf Jahren wohnte. Sie war die einzige Verwandte, die ich noch hatte, und ich war ihr mehr als dankbar, dass sie mich damals nicht in ein Heim gesteckt hat, als meine Eltern verschwanden. Da war ich gerade vierzehn geworden. Ich biss mir auf die Zunge, um die Tränen zu unterdrücken.
Heute wäre Moms Geburtstag, den wir mit Sicherheit groß gefeiert hätten. Es war ein runder, ihr vierzigster. Ich warf eine Kusshand Richtung Himmel, da hörte ich die Stimme meiner Tante hinter mir.
»Der Sand ist doch viel zu kalt, Emma!«
Sie hatte recht, also schlüpfte ich in meine weißen Turnschuhe, ging ein paar Schritte zurück und drehte mich zu ihr um. Sie stand, bepackt mit einem Korb voller Wäsche, auf der Holzveranda ihres kleinen, blau gestrichenen Hauses mit den weißen Fensterläden. Für ein paar Sekunden hielt sie inne und blickte nachdenklich in meine Richtung.
Der Wind wirbelte ihre kurzen blonden Locken durcheinander und umtanzte ihren zierlichen Körper. Mein Herz schlug schneller. Von Weitem sah sie aus wie meine Mutter, die beiden hätten Zwillinge sein können. Ich liebte sie von ganzem Herzen. Sie war eine sanftmütige Person. Auch das hatte sie mit Mom gemein, wenngleich sie nach außen hin manchmal ein bisschen schroffer wirkte.
»Alles okay?«, rief sie schließlich.
Ich nickte, setzte ein Lächeln auf und winkte ihr, damit sie sich keine Sorgen machte.
»Ich helfe dir dann mit der Wäsche«, entgegnete ich und merkte, wie meine Stimme am Ende leicht kippte.
»Ist nicht viel. Das schaffe ich schon. Geh du lieber mal wieder nach Tinnum zu deinen Freunden. Würde dir guttun. Mel hat vorhin angerufen, sie vermisst dich schon«, gab sie zurück und verschwand dann nach drinnen.
Der Gedanke, mal wieder mit meiner Freundin zu quatschen, war nicht schlecht, doch heute blieb ich lieber allein und schickte den Wellen noch einen Geburtstagsgruß für Mom hinterher, den sie vielleicht sogar zu ihr tragen würden. Danach lauschte ich dem Tosen der See, während der Wind noch einen Tick kühler wurde und über mein langes schwarzes Haar strich, als wolle er mich aufheitern.
Mein Blick verlor sich in den wogenden Wellen, und plötzlich glaubte ich, es wieder zu hören. Diesen melancholischen und zugleich wunderschönen Gesang, der von der Gischt zu mir getragen wurde.
Ich atmete so leise wie nur möglich, aus Angst, ihn wieder zu vertreiben, und hielt ganz still. Dieses Mal war er intensiver als sonst, und mir war, als wolle er mich anlocken. Ich war mir sicher, sicherer denn je, dass dieser Gesang real war. Ich hatte mir das nicht eingebildet. Nie. Schnell machte ich kehrt und rannte auf das Haus zu.
»Tante Tilli?«
Ich eilte durchs Haus, in dem mir jeder Winkel der liebevoll im Landhausstil eingerichteten Räume vertraut war. Schließlich fand ich Tante Tilli, wie ihre Freunde und ich sie gerne nannten, in ihrem Bügelzimmer zwischen roséfarbenen Bettlaken.
Sie blies sich eine ihrer Locken aus der Stirn und hob den Blick. In ihren wasserblauen Augen lag ein besorgter Ausdruck.
»Ist was passiert? Du bist ja ganz bleich.«
Ich ergriff ihre Hände. »Der Gesang. Er ist wieder da. Komm schnell!«
»Und ich dachte schon sonst was.« Tante Mathilda stellte das Bügeleisen ab und folgte mir mit einem Seufzen.
»Er ist lauter als sonst. Dieses Mal wirst du es auch hören, bestimmt. Ich bilde es mir nicht ein.«
Zurück am Strand hielt ich gespannt die Luft an, während wir zusammen lauschten. Tatsächlich ließ der mystische Gesang nicht lange auf sich warten. Nirgends zuvor hatte ich derart klare, helle und gleichzeitig traurigere Stimmen gehört.
Gespannt beobachtete ich meine Tante. Ihre Mimik wirkte angestrengt. Dann schüttelte sie den Kopf und lockerte sich. »Tut mir leid, Emma. Ich höre nichts außer dem gewohnten Rauschen des Meeres.«
Das konnte sie doch unmöglich überhören. Enttäuscht starrte ich sie an, aber ihr Blick war eindeutig. Sie vernahm nicht einen Ton.
»Das Meer hat dieses Lied, das du zu hören glaubst, wohl allein für dich geschrieben, Emma. Aber manchmal spielen uns auch die Sinne einen Streich.«
»Ich bilde es mir nicht ein!«, flüsterte ich, während meine Tante mir sanft über den Rücken strich.
»Wir sollten Doktor Morton anrufen. Ich meine, vielleicht sind auch die Tabletten dran schuld. Er hat ja gesagt, dass sie leichte Wahnvorstellungen hervorrufen können.«
Ich schüttelte den Kopf und ließ ein wenig Sand durch meine Finger rieseln. »Ehrlich gesagt hab ich noch keine einzige von diesen komischen Pillen geschluckt. Ich brauche sie nicht. Sie können mir Mom und Dad auch nicht wiederbringen.«
Tante Mathilda schluckte. »Aber sie können dir ein wenig innere Ruhe verschaffen.«
Daran glaubte ich nicht. Minutenlang lag Stille zwischen uns, und allmählich verebbte der Gesang.
»Sie haben aufgehört zu singen«, sagte ich.
Tante Mathilda presste kurz die Lippen aufeinander. »Ich glaube dir ja, dass du sie wirklich hörst. Ich weiß nur nicht, was ich dazu sagen soll. Ich halte dich nicht für verrückt oder dergleichen. Aber es macht mir Sorgen.«
Mein Blick schweifte erneut aufs Meer hinaus.
»Das will ich nicht, Tante Tilli.«
Sie legte einen Arm um mich und drückte mich an sich. »Ich wünschte, ich könnte sie dir zurückbringen. Ich vermisse sie auch, sehr sogar.«
Ich atmete tief durch. »Es ist diese Ungewissheit, die so schlimm ist.«
Es tat immer noch so weh, als wäre das Flugzeug meiner Eltern erst gestern über dem Meer verschwunden. Bis heute waren alle Suchaktionen im Sand verlaufen. Keine Spur. Nichts. Ich schmiegte mich an Tante Tilli, die die gleiche Wärme ausstrahlte, wie meine Mutter es immer getan hatte. Das machte es etwas leichter für mich.
Der größte Unterschied zwischen den beiden war der Kleidungsstil. Während Mom schicke Kleidung und dezentes Make-up liebte, bevorzugte Tante Mathilda Jeans, Turnschuhe und weite Pullover – ungeschminkt. Wenn ich genau überlegte, gab es da noch einen. Mom war eine treue Seele, die meinen Vater wohl auch nicht einmal in Gedanken gegen einen anderen ausgetauscht hätte.
Tante Mathilda hingegen liebte die Freiheit. Nie im Traum wäre ihr in den Sinn gekommen, sich fest an einen Mann zu binden. Was mich angeht – ich war meinem Traumprinzen noch nicht begegnet, und ehrlich gesagt interessierten Jungs mich auch nicht so brennend, was vielleicht auch daran lag, dass ich bisher nur Kumpeltypen oder Machos über den Weg gelaufen war. Zurzeit konzentrierte ich mich lieber auf meine Ausbildung zur Floristin, was mir viel Spaß machte. Schließlich trat ich damit in Moms Fußstapfen. Sicher würde ihr das gefallen. Sie hatte einen kleinen Laden besessen, während mein Vater gerne Urlaub im Reich der Fantasie gemacht hatte. Meine Mutter und er hatten sich bei einer seiner Lesungen kennengelernt. Er war ein Buchautor, der ursprünglich aus England kam. Seine Geschichten steckten voller mystischer Geheimnisse, die mich und viele andere begeisterten. Er hätte wohl nie gedacht, dass er selbst einmal Teil einer mysteriösen Geschichte wie der von dem Verschwinden des Flugzeugs werden würde. Ich vermisste ihn schrecklich.
»Na, alles klar bei euch?«, rief jemand in unmittelbarer Nähe, dessen Stimme mir gut bekannt war. Sie gehörte dem alten, grauäugigen Seebären Georg, einem Fischer aus dem Ort.
Tante Mathilda errötete leicht und straffte die Schultern. Georg war einer ihrer Verehrer, den sie schon seit einigen Jahren zappeln ließ. Er kam, wie ich fand, genau zur richtigen Zeit. Sein Besuch holte uns aus unserem Gedankenloch.
»Wir waren vorhin draußen. Hab frische Krabben dabei.«
Tante Mathilda hängte sich bei mir ein. »Kommst du mit rein? Ich mach uns meinen Schokoladentee. Der ist gut für die Seele.«
»Ich glaube, das ist Georg auch«, flüsterte ich und zwinkerte ihr zu. Mathilda tat so, als hätte sie es nicht gehört. Georg setzte den Sack, den er über dem Rücken trug, ab und streckte seinen muskulösen Körper, der Tante Mathildas um mindestens zwei Köpfe überragte.
»Alter Angeber.« Tante Mathilda lachte.
»Geh schon vor. Ich komm gleich nach«, sagte ich.
Meine Tante hauchte mir einen Kuss auf die Stirn und ging zu Georg hinüber. Bevor ich ihnen folgte, schickte ich noch zwei Fragen aufs Meer hinaus: »Wo sind sie? Ist der Gesang etwa ein Zeichen? Wenn ja, dann brauche ich mehr davon.«
Ich klammerte mich an viele Kleinigkeiten, egal, wie dünn die Seile, an denen sie hingen, auch waren. Die Hoffnung war pure Überlebensstrategie.

Georg und Tante Mathilda saßen bereits an dem viereckigen Holztisch in der Küche bei Tee und Gebäck. Kaum hatte ich mich auf meinem Platz niedergelassen, schob mir Tante Mathilda eine Tasse mit heißem Tee zu, der nach Weihnachten roch – Zimt, Nelken, Schokolade. Am Ende des Sommers einen Weihnachtstee zu trinken war zwar unpassend, konnte jedoch, wie ich nach ein paar Schlucken feststellte, wahre Wunder bewirken. Ich fühlte mich wie in eine Decke gehüllt und liebkost.
»Du solltest auch was essen, Schatz. Du wirst ja immer dünner.«
»Das täuscht«, erwiderte ich schnell, was Tilli kurz aufseufzen ließ.
»Dein Tee ist wirklich der beste der Insel, Tilli«, schwärmte Georg und schnäuzte sich in ein grünes Stofftaschentuch.
»Na, übertreib mal nicht«, winkte Tante Mathilda ab, doch Georg hörte nicht auf, sie mit Komplimenten zu überschütten, die ihre Wangen noch mehr erhitzten. Sie stand auf und ging auf die Veranda hinaus. Angeblich, um dort nach ihren neuen Teepflanzen zu schauen, ich glaube aber eher aus Verlegenheit.
»Ihren Lungenwurztee meinst du damit aber nicht, oder?«, fragte ich, woraufhin er mir zuzwinkerte.
»Du bringst sie zum Schmelzen, Georg.« Ich stupste den Fischer an.
»Sie ist ein harter Brocken, aber ich geb nicht auf. Jeder Eisberg schmilzt einmal«, erwiderte er.
In dem Moment kam Tilli zurück. »Was gibt’s denn zu tuscheln?«, fragte sie, da verfinsterte sich Georgs Mimik plötzlich.
Er zeigte auf das Radio. »Psssst! Hört zu!«
Stirnrunzelnd lauschten wir den Worten des Nachrichtensprechers, die mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagten.
»Kein Funkspruch, kein Notsignal von automatisch auslösenden Crashsendern. Experten gehen von keiner Entführung, sondern von einem Absturz der Passagiermaschine über dem Atlantik aus. Die Suchaktionen sind in vollem Gange. Bislang allerdings ohne Erfolg.«
In meinen Ohren begann es zu rauschen, als stünde ich wieder am Strand. Ich verstand kein einziges Wort mehr von dem, was der Mann aus dem Radio sagte. In meinem Kopf tobte ein Orkan, der meine Gedanken durcheinanderwirbelte, bis mir schwindlig wurde. Es war wieder passiert! Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Georg auf Tante Mathildas Anweisung hin das Radio abschaltete. Sie setzte sich und rutschte mit ihrem Stuhl nahe an mich heran. Ihre Hände legten sich auf meine, die auf meinen Beinen ruhten. Meine Handinnenflächen schwitzten vor innerlichem Aufruhr.
Ich sah meine Eltern direkt vor mir, wie sie mich zum Abschied geküsst hatten und mir versprachen, etwas Schönes aus Atlanta mitzubringen.
»Hätte ich sie nur zurückgehalten oder wäre doch mitgeflogen«, stotterte ich und spürte, wie mir eine Träne über die rechte Wange rollte.
Tante Mathilda ummantelte meine Hände mit ihren. »Sei mir nicht böse. Aber du weißt, wie ich denke«, entgegnete sie, bemüht, ein Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken.
»Es kommt alles so, wie es kommen muss und soll, ich weiß. Aber ich hab das Gefühl, als wäre ich schuld«, brach es aus mir heraus.
Georg sah betreten drein, wagte es aber nicht, etwas zu dem Thema zu sagen. Er wusste wohl, dass er mit seiner oft rauen Art vielleicht am Ende sogar ins Fettnäpfchen getreten wäre. Harte Schale, weicher Kern. In seinem Fall traf das Klischee absolut zu, und seine Zurückhaltung war zudem mehr wert als tausend Worte.
Er stand auf und legte uns seine breiten, mit Schrunden übersäten Hände auf die Schultern, um zu zeigen, dass er da war, jederzeit, um uns zu stützen.

Nachricht

Zwei Wochen später

Ich setzte mich auf mein Bett und blätterte in einem Fotoalbum, das Mom einst zusammengestellt hatte.
Inmitten des Albums entdeckte ich ein großes Familienfoto, auf dem meine Eltern so natürlich wirkten, wie sie auch in Wirklichkeit immer gewesen waren. Ich vermisste so viel, tausend Kleinigkeiten. Paps Lachen, seinen Humor, mit dem er meine Mutter oft in den Wahnsinn getrieben hatte, und seine spontanen Ideen.
Mir fehlte Moms warme Stimme, die kleinen Ausflüge, die wir oft unternahmen, und wie wir über Gott und die Welt diskutierten. Wir waren immer füreinander da gewesen, wie eine Bilderbuchfamilie. Zu schön, um wahr zu sein, hatte ich manchmal gedacht.
Langsam blätterte ich weiter. Wenn ich meine Eltern mit einem Wort beschreiben müsste, dann würde ich das Wort Wiege wählen. Denn genau das waren sie immer für mich gewesen. Eine Wiege, in die ich mich betten konnte und die mich aus allem herausschaukelte. Genauso aber wollte ich auch für sie da sein. Nun konnte ich nichts tun, und es machte mich wahnsinnig.
»Willst du mit Georg und mir Krabben essen, Emma?«, rief Tante Mathilda nach oben.
»Danke, aber ich hab keinen Hunger«, erwiderte ich und ließ mich rücklings aufs Bett fallen. Noch immer waren die Suchaktionen nach der Boeing ergebnislos geblieben.
Jeden Tag hatte ich positiven Neuigkeiten entgegengefiebert und mit den Angehörigen gefühlt. Ich schüttelte den Kopf und dachte wieder einmal an die letzten Stunden, die ich mit meinen Eltern verbracht hatte. Sie hatten nicht fliegen wollen, als mich am Vortag der Abreise eine Sommergrippe überraschte. Ich war es, die sie davon abbrachte, den Flug sofort zu stornieren, wusste ich doch, wie lange sie sich schon auf diese Reise nach Atlanta gefreut hatten.
Zudem hatte sich Tante Tilli bereit erklärt, auf mich aufzupassen, und sich sogleich auf den Weg gemacht. Mom hatte mir abends Lieder vorgesungen und Paps mir doch noch seine neueste Idee für sein nächstes Buch verraten. Danach hatten wir gemeinsam »Mensch ärgere Dich nicht« gespielt und waren zusammen eingeschlafen.
Ich wünschte, sie hätten den Wecker am nächsten Morgen nicht gehört oder nicht auf mich.
Wenige Stunden nach ihrem Abflug war die Passagiermaschine vom Radar der Luftüberwachung verschwunden. Kein Hilferuf des Piloten, nichts. Nur Stille. Alles, was blieb, waren Fragen, die niemand beantworten konnte, und Vermutungen, die sicher nicht nur bei mir Albträume auslösten. Die Ungewissheit zeichnete immer schrecklichere Bilder. Nach dem neuesten Ereignis lief ich Gefahr, mich wieder zu sehr in ein Tief hineinzukatapultieren. Ich ahnte, dass mein Jahresurlaub so enden würde.
Ablenkung musste her. Also beschloss ich, nach Tinnum zu gehen, in mein Lieblingscafé, um dort eine Tasse mit heißer weißer Schokolade und extra viel Sahne zu trinken.
»Wann kommst du zurück?«, wollte Tanta Mathilda wissen und lächelte mir vom Küchentisch aus zu, an dem sie mit Georg bei einem Glas Wein, frischen Krabben und Weißbrot saß.
»Weiß noch nicht. Ich geh mal ins Roxy. Bestimmt sind Mel und Björn auch dort.«
»Na, dann viel Spaß, Deern!«, wünschte Georg, bevor ich das Haus verließ.
»Und Jacke nicht vergessen«, bemerkte Tante Mathilda. Sie sah in mir immer noch das kleine Mädchen, aber ich nahm es ihr nicht übel, meistens jedenfalls.
Artig schnappte ich mir meinen blauen Parka, der im Flur an der Garderobe hing, und machte mich auf den Weg. Der Wind war rau und schnitt mir ins Gesicht, als ich durch die Dünen lief. Von Tante Tillis Anwesen aus war es ungefähr ein halber Kilometer, bis man auf das erste Haus der Ortschaft traf.
Die Kieselsteine des schmalen, schlangenförmigen Weges, der nach Tinnum führte, knirschten unter meinen Schuhen. Ich atmete tief ein und langsam wieder aus und schickte Melanie eine SMS.
Mel und Björn waren seit meiner Ankunft hier auf Sylt an meiner Seite und die besten Freunde, die ich mir vorstellen konnte. Schon bevor ich hierhergezogen war, kannte ich die beiden von Kurzurlauben – wenn auch nur flüchtig.
Bin auf dem Weg ins Roxy. Sehen wir uns da?
Wie gedacht, kam die Antwort prompt. Björn ist krank, aber ich komme – klar. Bis gleich. Freu mich!
Ich schickte ihr einen Smiley. Als ich Tinnum erreichte, piepste erneut mein Handy. Hoffentlich war es nicht Mel, die doch noch absagen wollte, weil ihr vielleicht etwas dazwischengekommen war.
Ich zog das Handy aus der Tasche und warf einen Blick aufs Display. Die SMS kam von einer unbekannten Nummer. Seltsam. Dennoch öffnete ich sie und las.
Hier ist Jamie. Ich bin Passagier der Maschine gewesen, die vor ein paar Tagen über dem Atlantik abgestürzt ist. Brauche deine Hilfe. Bitte! Dies ist KEIN SCHERZ. Kann jetzt nicht mehr schreiben, sie kommen.
Im ersten Moment war ich so entsetzt, dass mir das Handy beinahe aus den Händen gefallen wäre. Erst nach ein paar Sekunden setzte mein rationaler Verstand wieder ein. Das konnte doch nur ein schlechter, absolut niveauloser Scherz sein. Von wegen Hilfe! Ich steckte das Handy wieder ein und marschierte mit einer Portion Wut im Bauch weiter. Wie konnte man nur so dreist sein?
Zeitgleich mit mir kam Mel am Roxy an und begrüßte mich, wie üblich, mit Wangenküsschen. Sie sah klasse aus in ihren marineblauen Boots und der Jeans-Latzhose, unter der sie eine lässige weiße Bluse trug. Der Wind wirbelte ihr rotes, kurzes Haar durcheinander und trieb ihr Tränen in die Augen.
»Schnell rein«, sagte sie, nahm mich an der Hand und zog mich in das Café, das im 50er-Jahre-Stil eingerichtet war. Sogar die Kellnerinnen sahen aus, als wären sie gerade aus einer Zeitkapsel gestiegen.
Wir setzten uns auf eine der Bänke, die mit ziegelrotem Kunstleder bezogen waren, und bestellten zwei der Kalorienbomben. Mel hatte sich mir gegenübergesetzt und beugte sich ein wenig vor.
»Stillhalten, du hast da eine Wimper«, sagte sie und griff vorsichtig danach. Sie hatte sich unter meinem rechten Auge verfangen. Mel hielt mir den Finger, auf dessen Kuppe sie die Wimper balancierte, vor die Nase und bemerkte: »Puste sie weg und wünsch dir dabei was!«
Ich lachte ein wenig, woraufhin sie erwiderte: »He, ich mein es ernst. Das letzte Mal, als ich es gemacht habe, hat es funktioniert.«
»Sei mir nicht böse. Aber das kann ich nicht glauben. Wäre ja zu schön. Was hast du dir denn gewünscht?«
Auf meine Frage hin errötete Mel ein wenig, schnappte sich mit der freien Hand einen Löffel und begann in ihrer Schokolade zu rühren. Ohne mich anzusehen, antwortete sie: »Einen erfolgreichen Flirt mit Tim Jacobs.«
»Wusste ich doch, dass du auf den Fischerburschen stehst. Erzähl mal genauer.«
»Stell dir vor, wir sind uns in Tinnum über den Weg gelaufen. Ja, ist noch nichts Sensationelles. Aber zum ersten Mal hat er mich bemerkt, ist ein paar Meter vor mir stehen geblieben und schielte immer wieder rüber. Am Ende hat er mir sogar zugezwinkert.«
Ich spitzte kurz die Lippen. »Wow. Schicksalshaft!«
»Du machst dich über mich lustig.« Sie wollte gerade ihren Finger wegziehen, als ich es mir anders überlegte. Vielleicht war am Ende wirklich was dran. Schaden konnte es jedenfalls nicht.
»Warte! Ich mache es.«
Mel lächelte über ihren kleinen Triumph. Ich schloss die Augen und wünschte mir, dass ich endlich eine Nachricht über Moms und Dads Verbleib erhielt. Dann blies ich die Wimper von Mels Finger.
»Ich weiß, dass man seinen Wunsch nicht verraten darf. Aber gibst du mir wenigstens einen kleinen Hinweis?«, fragte Mel. In ihren braunen Augen lag ein neugieriges Leuchten.
»Meine Eltern«, erwiderte ich leise.
Augenblicklich verschwand das Lächeln aus Mels Gesicht. »Verstehe«, sagte sie nur und sah mich mitleidig an.
Ich wich ihrem Blick aus und versuchte die Tränen zu unterdrücken, da piepste mein Handy erneut. Die Nachricht von vorhin wühlte immer noch in mir. Mit einem lauten Seufzen griff ich in meine Tasche und holte das Handy hervor.
»Wenn das wieder dieser seltsame Typ ist, flipp ich aus.«
»Welcher Typ?«, wollte Melanie wissen und reckte sich, um einen Blick auf das Display zu werfen.
Er war es nicht. Tante Mathilda bat mich, ihr frischen Salat mitzubringen. Ich atmete auf und zeigte Mel die Message, die ich von dem angeblichen Passagier bekommen hatte. Sie nahm sie kopfschüttelnd zur Kenntnis.
»Also, das ist wirklich abgedreht. Würde ich auch nicht für voll nehmen«, sagte sie.
»Ich frag mich, wer wohl dahintersteckt. Muss doch einer sein, der von dem Schicksal meiner Eltern weiß und sich genau deshalb diesen geschmacklosen Joke überlegt hat, oder wie man es sonst nennen soll. Frechheit!«
Mel nickte langsam und beobachtete mich, wie ich auf »Antworten« klickte.
»Weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist, Emma. Falls du nun zurückschreiben willst, dann besser keine Beleidigungen. Wer weiß, was für ein krankes Hirn dahintersteckt.«
Ich musste es tun, um meiner Wut ein wenig Luft zu machen. Also tippte ich folgende Message: Lass die dummen Scherze. Finde ich nicht witzig. Erste und letzte Antwort! Schäm dich!
Nachdem ich den letzten Buchstaben eingegeben hatte, drückte ich, ohne noch einmal zu überlegen, auf Senden. Es dauerte nur ein paar Sekunden, da erhielt ich von selbigem Absender eine weitere Nachricht.
»Der spinnt doch!«, schimpfte ich und drückte auf Annehmen.
Mel rutschte auf meine Seite. Gemeinsam lasen wir. Bitte melde dich! Brauch dich. Ich hab die Nummer von deiner Mutter – Helena. Dein Vater nennt sie oft Leni.«
Verdutzt sahen Mel und ich uns an.
»Ist doch sehr seltsam. Glaube, der spielt wirklich nur ein dummes Spiel. Aber er scheint dich und deine Familie gut zu kennen und es für seine Zwecke zu nutzen. Schrecklich!«, bemerkte Mel.
»Du denkst also, es ist einer von hier?«
»Na ja. Ich denke da an einen ganz Bestimmten. Ich meine Piet. Jeder weiß, dass er ein Auge auf dich geworfen hat. Vielleicht ist er sauer, weil du ihn links liegen lässt. Ich meine, denk mal an Dani. Als die ihm eine Abfuhr gegeben hat, stalkte er sie beinahe den ganzen Sommer hindurch, bis ihr Vater ihm eine Lektion erteilte.«
Möglicherweise hatte sie recht. Piet war ungefähr in meinem Alter und hielt sich für unwiderstehlich. Daraus machte er keinen Hehl. Zwar mochte er gut aussehen, doch seine Oberflächlichkeit und das übertriebene Getue machten ihn geradezu hässlich.
Er war der Sohn eines erfolgreichen Immobilienmaklers aus Tinnum. Seine Avancen waren mir natürlich nicht entgangen. Aber Piet war der Letzte, den ich mir als Partner vorstellen konnte.
Mein Handy meldete, dass meine Nachricht an Jamie, oder wie immer er in Wirklichkeit hieß, fehlgeschlagen war. Also sendete ich sie erneut, allerdings wieder ohne Erfolg.
»Am besten, du ignorierst weitere Nachrichten einfach«, sagte Melanie.
Ich nickte und schaltete das Handy kurzerhand aus.
»Hast du von dem Flugzeug gehört, das über dem Atlantik verschwunden ist?«, fragte ich.
Mel schlug die Augen nieder. »Ich wollte es nur nicht ansprechen, um nicht … na, du weißt schon, alte Wunden wieder aufzureißen.«
»Weißt du, ich kann das alles nicht verstehen. Wie können gleich zwei Maschinen einfach so im Nichts verschwinden? So, als hätte es sie nie gegeben?«
»Ich wünschte, ich könnte dir das beantworten. Es tut mir so leid, Emma.«
Ich atmete tief durch und trank von meiner Schokolade. Sie schmeckte gut, aber den Kummer konnte sie dieses Mal nicht mal ansatzweise vertreiben. Dennoch bereute ich nicht, hierhergekommen zu sein. Ich war froh, dass ich Mel hatte.
Nach unserer Schokolade schleppte sie mich durch die kleinen Geschäfte der Stadt, die manchmal richtig ausgefallene Schätze und Geheimnisse bargen. Es dauerte nicht lange, und ich wurde fündig. Auf einem verstaubten Regal eines Antiquitätengeschäfts entdeckten wir ein altes Buch mit ein wenig verwischten Zeichnungen eines Unbekannten. Die Seiten waren wellig, als wäre das Buch direkt aus dem Wasser gefischt worden. Frau Ischgl, der der Laden gehörte, beobachtete uns neugierig aus ein paar Metern Entfernung.
Der Maler musste aus Sylt gewesen sein oder zumindest ein Liebhaber der Insel, denn seine Zeichnungen galten allesamt dem Meer und seiner unmittelbaren Umgebung.
»Mein Großvater hat das Buch zufällig vor ein paar Jahren gefunden. Es lag in Strandnähe, in einer kleinen Felsenhöhle versteckt«, erzählte uns Frau Ischgl und kam näher, während ich es durchblätterte.
Obwohl die Welt, die der Maler auf dem Papier geschaffen hatte, nur schwarz-weiß war, enthielt sie eine lebendige Intensität, die mich faszinierte. Ich musste es haben.
»Mein Großvater hat es mir vererbt. Also wenn ihr es wollt, mach ich euch einen guten Preis. Verstaubt hier nur.«
Wie konnte sie so einen Schatz einfach so hergeben, dachte ich, nahm ihr Angebot aber ohne länger zu zögern an.
»Ich dachte, du hasst das Meer«, bemerkte Mel im Hinausgehen.
»Hassen ist nicht das richtige Wort. Ich finde es eher … unheimlich. Aber hier auf den Zeichnungen, da sieht es so friedlich aus. Findest du nicht?«
Ich hielt ihr das Buch hin, woraufhin sie mit den Schultern zuckte. Mit Kunst hatte Mel nicht wirklich viel am Hut. Schade eigentlich!

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Nadine Stenglein

Hollfeld, germany

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