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Synopsis

Doubt ist eine Crime Romance in Spielfilmlänge. Kurz und knackig.

Außer ihrer besten Freundin weiß niemand, dass die 28jährige Kathleen Forster die berühmte Thrillerautorin Kate Simon ist. In ihrem Haus in Neponsit, New York, hat sie ein Zimmer an Paul untervermietet. Der junge Mann hat sich angeblich soeben von seiner Frau getrennt und benötigt nur vorübergehend eine Bleibe. Er sieht blendend aus und ist sehr charmant. Kathleen fühlt sich sofort stark zu ihm hingezogen. Doch dann entdeckt sie mehr und mehr Hinweise darauf, dass es sich bei Paul um den gesuchten Mörder Jack Hope handeln könnte. Trotz der Schmetterlinge im Bauch beginnt sie, auf eigene Faust zu ermitteln – die Schlagzeile “Thrillerautorin überführt echten Mörder” vor Augen. Doch wie heißt es so schön? Wer sich in Gefahr begibt …

Trailer: https://youtu.be/gLwriEZ0pGA


Chapter 1

So tötete ich meine Frau

Kurz bevor Kathleen die Eingangstür ihres Hauses ins Schloss werfen konnte, gelang es Cedrick, seinen mitgebrachten Rosenstrauß dazwischenzuschieben. Kathleen warf einen wütenden Blick auf die Blumen, die nun zwischen Tür und Rahmen klemmten. Sie atmete langsam aus. Ein Regen aus weißen Blüten segelte auf ihre nackten Füße. Von draußen drang die Stimme ihres Ex-Freundes herein: »Hey, die waren nicht gerade billig.« Sie schluckte Magensäure hinunter und riss sich zusammen. Zuerst sammelte sie die Blütenblätter auf, dann rupfte sie das, was von Cedricks Versöhnungsversuch übrig geblieben war, aus dem Spalt der Türe. Zuletzt öffnete sie langsam und drückte ihrem Ex-Freund das Rosengemüse in die Arme. Er musterte sie. Wie sie diesen Mitleid heischenden Blick hasste. Er konnte sie noch immer schnell aus der Fassung bringen, dachte Kathleen und verfluchte sich im Stillen dafür, wieder einmal die Beherrschung verloren zu haben. »Dein falscher Stolz stand dir schon immer im Weg, Kathleen Forster. Wir wissen beide, dass du mich noch liebst. Du bist allein, das macht mürrisch«, sagte er kopfschüttelnd. Wieder einmal fühlte sie sich wie ein dummes Kind in seiner Gegenwart. Kathleen schluckte gegen die aufsteigende Magensäure an. Sie spürte schon das Brennen in der Speiseröhre. »Mir ist schlecht von deinem Gelaber«, murmelte sie. Cedrick Wagner zog die buschigen Brauen hoch, die beinahe so blond waren wie sein gegeltes Igelhaar, hob die Hand und wollte ihr damit über eine Wange streichen. Ich bin doch kein Hund, dachte Kathleen zurückweichend. Ein Wink des Himmels, denn in diesem Moment tauchte Paul auf. Jener junge Mann, der drei Wochen ihr Untermieter war und ein Zimmer im Parterre bewohnte. Er parkte seinen Wagen direkt hinter Cedricks schwarzem BMW. Kathleens Plan, Cedrick mit Paul eins auszuwischen, ging auf. Schon lange hatte sie auf die Gelegenheit gewartet, ihn von jenem hohen Ross zu holen, auf dem er sich gerne präsentierte. Den letzten Satz, den er ihr entgegengeschleudert hatte, würde sie nie vergessen: So schnell wirst du keinen Neuen finden. Jedenfalls keinen, der so gut aussieht wie ich, dazu Köpfchen hat und nicht nur an dein Geld will. »Jetzt sei nicht so ein Trotzkopf«, sagte Cedrick und stopfte die Blumen oder besser das, was davon noch übrig war, in die neben ihm stehende Mülltonne. Er seufzte betont wehmütig. Bestimmt bereute er jeden Cent, den er dafür ausgegeben hatte. Bereits in dem Moment, als er über die Schwelle des Blumenladens trat. Aber eines musste man ihm anrechnen. Seinen Geiz hatte er für die Blumen abgelegt, zumindest ein wenig. Kathleen schmunzelte, als der gut aussehende Paul aus seinem silbernen Nissan stieg, die Sonnenbrille in das schwarze, kurze, leicht wellige Haar steckte und lässig auf sie zusteuerte. Im Gegensatz zu Cedrick war er leger gekleidet – Jeans, ein halb offenes, weißes Hemd über braungebrannter Brust. So gesehen wirkten beide wie Feuer und Wasser. Cedrick bevorzugte zudem bleiche Haut, da diese seiner Meinung nach einen nobleren Touch ausstrahlte. Paul zwinkerte ihr zu. Seine Augen glänzten, und ein angenehmes Kribbeln besänftigte sogar Kathleens Magen. Ihre beste Freundin Alice Clarkson hatte Paul ein Sahneschnittchen genannt. Sie war froh, dass sie ihrer Bitte, Paul eine Weile bei sich wohnen zu lassen, letztendlich zugestimmt hatte. Er sei der Bekannte einer sehr guten Patientin von Alice, die diese seit Jahren betreute. Pauls Ehe war gescheitert. Zusammen mit seiner Frau habe er in Boston gelebt und nach der Trennung aus dem gemeinsamen Haus ausziehen müssen. Alice war, wie Kathleen, achtundzwanzig Jahre alt. Sie hatte hier in New York, Neponsit, eine gut laufende Psychologiepraxis und kümmerte sich mit Hingabe um deren Patienten. Alice selbst wohnte ebenfalls in Neponsit, zusammen mit ihrem Freund John. Nie im Leben hätte er es geduldet, Paul aufzunehmen. Seine Eifersucht stand dem im Wege. Es war auch kein Geheimnis, dass Alice gerne flirtete. Mit ihrer Hilfe kaufte sich Kathleen nach der Trennung vom zwei Jahre älteren Cedrick in Neponsit ein hübsches, kleines, weißes Haus. Es zierte eine umlaufende Holzveranda. In der anliegenden Garage parkte ihr neues rotes Audi Cabrio. Die ruhige Wohnstraße und der kleine Garten machten den Traum perfekt. Auch in anderen Dingen musste sie ihrer Freundin Recht geben. Paul sah wirklich umwerfend aus. Sie biss sich kurz auf die Unterlippe und konnte einen Seufzer nicht unterdrücken. »Hallo, schöne Frau«, begrüßte Paul sie, zwinkerte ihr noch einmal zu und wandte sich dann dem Besuch zu, der ihn erstaunt von oben bis unten musterte.
»Paul Brooks. Guten Tag«, stellte er sich vor, reichte Cedrick eine Hand, die dieser nur zögerlich ergriff. »Cedrick Wagner.« »Ich überlege ebenfalls«, bemerkte Paul und schob sich einen Kaugummi in den Mund. »Was?«, fragte Cedrick. Auch Kathleen verstand nicht, was Paul damit meinte. »Na, eine Lebensversicherung abzuschließen. Sie sind doch von der Versicherung oder nicht? Steht ja groß und breit auf der Heckscheibe Ihres Autos.« »Ah, ja natürlich! Ich bin selbständig. Aber ich bin heute nicht geschäftlich hier«, entgegnete Cedrick und verengte die Augen ein wenig, als hätte Paul ihn angegriffen. Kathleen schüttelte ihre blonden, schulterlangen Naturlocken. Sie spürte Cedricks Eifersucht regelrecht und jubelte innerlich. »Oh! Na gut …«, setzte Paul an, stoppte aber. Er begriff die Situation. Kathleen hatte ihm am Tag zuvor ein wenig über Cedrick erzählt, als Paul auf eines seiner früheren Geschenke gestoßen war, ein Buddelschiff. »Ich geh mal rein. Wir können ja irgendwann wegen einer Versicherung quatschen. Eventuell«, fügte er hinzu, hob eine Hand zum Abschied und verzog sich ins Haus. Als er verschwunden war, fragte Cedrick: »Ist aber nicht dein Neuer, oder?« Einen Augenblick verschlug es Kathleen die Sprache. »Wieso nicht?« Er zuckte lachend mit den Schultern. »Weiß nicht, ist viel zu … locker für dich. Und wohl auch zu jung.« »Er ist so alt wie ich. Und was soll das denn heißen? Dass ich engstirnig oder verklemmt bin und alt aussehe? Na, das sagt der Richtige.« Cedrick rutschte sein höhnisches Grinsen aus dem Gesicht. »Du willst mich doch wohl nicht als verklemmt bezeichnen oder behaupten, ich hätte eine engstirnige Einstellung? Nur weil du ein Chaosfreak bist. Sieh mich an. Ich bin in den besten Jahren. Aber du kannst nichts dafür. Deine Eltern haben dich halt so erzogen, dass du dauernd …« Abwehrend hob Kathleen die Hände. »Hör auf! Ich weiß, dass du sie nicht magst. Dass du glaubst, mein ganzes Umfeld sei krank, und dass es nur deshalb nicht mit uns funktioniert hat. Dabei haben sich meine Eltern nie eingemischt. Sorry, dass du so unter dem angeblichen Chaos leiden musstest. Armer Cedrick. Bei dir durfte nicht einmal ein Staubkorn durch die Luft der Wohnung wirbeln, ohne dass du ausgeflippt wärst. Das war ja nicht zum Aushalten und nur ein Grund, weswegen … Nein. Was soll’s? Ich mag mich nicht mehr aufregen. Macht müde. Lassen wir es gut sein. Paul ist mein neuer Freund, ja. Aber eigentlich geht es dich nichts an. Das Haus hier gehört mir, und es ist mein Leben. Mein neues, freies Leben. Ich genieße jede Minute. Schön ist es. Wundervoll. Lebe du also dein Leben in der Upper West Side, und ich lebe meines hier in Neponsit. Wie gesagt, es ist toll hier. Nur fünfhundert Fuß zum Strand, nette Nachbarn, man kann das Auto sogar draußen stehen lassen.« »Schön für dich. Mein Appartement war dir wohl zu klein.« »Ich hatte dir doch gerade erklärt …« Sie atmete aus. Ihr Kopf begann zu schmerzen, so wie früher, wenn sie versuchte, mit Cedrick ein normales Gespräch zu führen. Es führte meist zu einer argumentativen Karussellfahrt. »Deine Wohnung jedenfalls hatte rein gar nichts mit meinem Entschluss zu tun, dich zu verlassen. Eines Tages wirst du einsehen, dass ich uns beiden damit einen Gefallen getan habe. Alles Gute, Cedrick, viel Glück und Erfolg.« Die Lippen aufeinander gepresst verschränkte Cedrick die Arme vor der Brust, schüttelte den
Kopf, wandte sich um und ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Endlich, dachte Kathleen, klatschte in die Hände. Cedrick stieg in den BMW und raste wie vom Teufel verfolgt los. Sie hatte es tatsächlich geschafft, ihn in seiner Eitelkeit zu kränken. Einmal so richtig. Strike! Unterschwellig brodelte ein Vulkan in ihr. Als sie an Pauls Zimmer vorbeikam, hörte sie ihn telefonieren. Alice und sie fragten sich schon länger, ob er eine neue Freundin hatte. Paul war nicht gerade redselig, wenn es um sein Privatund Berufsleben ging. Er hatte ihr gegenüber nur gesagt, dass er diese Bleibe übergangsweise brauche, bis er etwas Eigenes gefunden habe. Zudem habe er bald ein wichtiges Vorstellungsgespräch in New York. Für was, dazu wollte er sich nicht äußern. Von der Trennung erwähnte er ihr gegenüber kein Wort. Lieber machte er Witze, über die man wirklich lachen konnte und die ohne Schmutz oder versteckte Beleidigungen auskamen. Zuerst war sie Alices Bitte, einen Unbekannten bei sich aufzunehmen, mit Skepsis begegnet. Zumal sie selbst öffentlichkeitsscheu war und nicht gerne Fremde im Haus hatte. Aber sie schuldete Alice einen Gefallen und vertraute ihr, dass mit dem Bekannten ihrer Patientin alles in Ordnung sei. Daher sah sie auch von einem Mietvertrag ab, ebenso von Nachfragen zu seiner Bonität. Er sollte ja nur für eine kurze Zeit bei ihr wohnen. In gut einem Monat, bereits Mitte August, wollte er schon wieder ausziehen. Der größte Entscheidungsfaktor war am Ende ein Foto Pauls, das ihr Alice vor dem ersten Treffen mit ihm gezeigt hatte. Groß, sportlich, saphirblaue Augen, hohe Wangenknochen, ein sanftes Lächeln, bei dem sich ein Grübchen in seinem Kinn bildete. Vielleicht war er Model oder angehender Schauspieler, ging es ihr damals sofort durch den Kopf. Sicher hätte er auch Charakterrollen übernehmen können. Ihre Erziehung verbot es, an fremden Türen zu lauschen. Aber eine Ausnahme wird mich nicht in die Hölle bringen, dachte sie und presste ein Ohr dagegen. »Ja, ich habe das Buch schon hier. Sehr, sehr interessant. Danke nochmals für den Tipp. Natürlich, das hilft mir außerordentlich. Es muss alles bis ins kleinste Detail stimmen«, hörte sie Paul sagen. Mehr konnte sie nicht verstehen, da in dem Moment ihr Geschirrspüler in der Küche durch ein Pfeifen vermeldete, dass er fertig sei. Während sie Gläser und Teller ausräumte, ließ
sie das Gespräch mit Cedrick noch einmal Revue passieren, verbannte es dann endgültig in die hinterste Ecke ihres Gehirns. Da gehörte es auch hin. Vier Jahre Energie- und Zeitverschwendung sollten genug sein. Kathleen war froh, dass sie ihn nicht geheiratet hatte. Paul kam aus seinem Zimmer, das direkt hinter dem kleinen, ovalen, mit hellen Steinplatten ausgelegten Eingangsbereich angrenzte. Er nahm sich einen Apfel, schälte ihn, spießte ihn sodann auf eine Gabel und streute anschließend nicht gerade wenig Zucker darüber. Beneidenswert! Ständig stopft er Süßes in sich hinein, ohne erkennbar zuzunehmen. Sein Körper ist eine wahre Kalorienverbrennungsmaschine, dachte Kathleen, die ihn dabei beobachtete. Sie selbst hingegen musste auf gesunde Ernährung achten, um ihre schmale Taille zu halten. »Alles okay?«, fragte er. »Hm? Ja, ja, alles bestens.« Sie sah ihm an, dass er ihr das nicht glaubte. Das tat sie ja schließlich auch nicht, war aber froh, dass er nicht weiter bohrte. Sie begann damit, die Oberfläche der Arbeitsplatte zu wischen und sah zu, wie er genüsslich in den Apfel biss. Dabei rann ihm ein Safttropfen über das Kinn, der sich seinen Hals hinunter schlängelte und unter dem schneeweißen Hemd auf der Brust verschwand. Kathleen fuhr in Gedanken der süßen Tropfenspur mit der Zungenspitze nach, aber ihre Fantasie wurde jäh von der Türklingel unterbrochen. Erschrocken zuckte sie zusammen. Sie fühlte sich bei ihren Gedanken ertappt. Paul legte den Apfel auf die Anrichte. »Bestimmt Tim, mein Kumpel. Bin nochmal weg«, verkündete er und schob sich aus der Küche. Sekunden später hörte sie die Haustür ins Schloss fallen. Kathleen starrte auf den Apfel und verzog den Mund. Paul war ein kleiner Chaot. Aber sie konnte ihm nicht böse sein. Sie selbst war wirklich nicht penibel, wenn es um so etwas ging, aber zu viel Chaos mochte sie auch wieder nicht. Paul hatte jedoch etwas an sich, das sie magisch anzog und all das wettmachte. Auf dem Weg ins Wohnzimmer fiel ihr auf, dass Pauls Zimmertür einen Spalt offen stand. Augenblicklich hielt sie inne. Manchmal sperrte Paul seine Tür ab, was ihr zuerst sauer aufgestoßen war, da ihm fast alles im Haus frei und unverschlossen zur Verfügung stand. Alice hingegen hatte gesagt, dass sie selber auch so handeln würde. Fakt war jedenfalls, sie kannten sich ja kaum. Sollte sie mal nachschauen?
Nur kurz? Ist doch nichts dabei. Also im Grunde, sozusagen, eigentlich, überzeugte sie sich selbst. Ihr rechter Arm bewegte sich automatisch. Die Tür quietschte leise in den Angeln, als sie sie weiter aufstieß und eintrat. Aufgeregt sah sie sich um. Pauls lässiges, manchmal etwas wildes Wesen spiegelte sich auch in seinem Zimmer wider. Gleich mehrere leere Kaffeebecher lagen auf einem Stapel Kartons, Cola-Dosen unter dem Schreibtisch, hier und da leere Papierblätter, CDs und DVDs zwischen Grünpflanzen. Kathleen schlich vorsichtig durch die Unordnung und hielt vor einigen Fotos inne, die gerahmt an der Wand über Pauls Bett hingen. Sie zeigten ihn zusammen mit einer hübschen Blondine, deren kurzes Haar glänzte, als wäre es mit Lack überzogen. Während Paul breit und überdeutlich grinste, hatte das bleiche, sommersprossige Gesicht der Frau einen sehr ernsten Ausdruck. Es schien Kathleen so, als habe man sie gezwungen, in die Kamera zu blicken. Ob das Pauls Ex-Frau war? Kathleen hörte ein Knacken im Flur. Erschrocken hielt sie die Luft an. Kommt Paul etwa schon zurück? Sie musste sein Zimmer schnellstens verlassen, wollte sie nicht erwischt werden. Sie beeilte sich, aber kurz vor der Tür stolperte sie über den Kartonstapel und landete bäuchlings auf dem Flurboden. Ihre Nase berührte die Spitze eines karminroten Stöckelschuhs, den sie zum Glück gut kannte. Sie atmete erleichtert auf. »Ach, du bist es nur, bin ich froh«, sagte sie und rappelte sich auf. Alice half ihr lachend. »Na, vielen Dank auch. Nur! Hast wohl gedacht, es wäre Paul. Warst du etwa in seinem Zimmer schnüffeln?« Während sie das sagte, verrenkte sie sich den Hals bei dem Versuch, am Türrahmen vorbei selbst einen Blick hineinzuwerfen. »Und?«, wollte sie wissen. Kathleen schloss die Tür und rieb sich das brennende Knie. »Ich habe nicht geschnüffelt. Es roch nur komisch … durchs Schlüsselloch. Da dachte ich, ich schau mal nach.« Alice zwinkerte ihr zu. »Na klar. Man muss aufpassen!« »Eben.« »Und? Was Interessantes entdeckt?« »Nein. Also … alles in Ordnung, von der Unordnung abgesehen. Und du hast die Klingel nicht mehr gefunden, wie?« »Hallo!?« Alice klimperte mit dem Zweitschlüssel, den Kathleen ihr nach dem Einzug gegeben hatte. Sie hob die Augenbrauen und spitzte die Lippen. »Oh. Ja. Sorry, hatte kurz vergessen, dass du den hast.« »Bisschen durcheinander, was? Außerdem habe ich dich gerufen.« »Nichts gehört.« »Kein Wunder, wenn man so tief in den Sachen anderer steckt.« Kathleen verengte die Augen, und Alice lachte. »Nur Spaß«, sagte sie und zeigte auf zwei Kartons, die sie im Flur abgestellt hatte. »Was ist das?« Alice seufzte, fuhr sich mit den Fingern durch die schulterlange, rote Mähne. Der marineblaue, kurze Jumpsuit unterstrich perfekt ihre sportliche Figur. »Du wolltest unbedingt meine Fachbücher über Hypnose. Schon vergessen? Die Recherche für deinen neuen Thriller? Also doch ein kleiner Anflug von Alzheimer?« »Quatsch. Klar weiß ich das noch. Nur …« »Kurz vergessen. Verstehe.« »Sorry, Süße. Du schleppst dir hier einen Wolf und ich dumme Kuh … Wow, danke dir.« Kathleen ging an ihr vorbei und öffnete den ersten Karton.
»Das ist klasse, genau, was ich brauche.« »Verrätst du mir, wie der Thriller ausgeht?« Während Kathleen die Bücher durchwühlte, sagte sie: »Nein! Außerdem bin ich selbst nicht ganz schlüssig. Die Figuren entwickeln gerade einen eigenen Kopf. Besonders Jason. Ich glaube, der will zum Schluss noch eine Abzweigung nehmen.« »Bist schon ein verrücktes Huhn. Okay, ich warte. Habe dich trotzdem lieb.« Kathleen wandte sich schnell zu ihr um. »Aber kein Wort zu Paul.« »Du meinst, dass du in Wirklichkeit Kate Simon, die Bestseller-Thriller-Autorin bist?« »Genau! Ich will, dass das unter uns bleibt. Also pass auf, wie du mich ansprichst in seiner Gegenwart.« »Kate Simon, die Katze mit den grünen Augen! Okay. Aber ehrlich, ich könnte das nicht. So im Verborgenen bleiben. Ich würde den Ruhm öffentlich genießen wollen«, erwiderte Alice. Kathleen legte ihr einen Finger auf den Mund und zog die Brauen nach oben. »Sie kennen meine Augen. Die sind das Wichtigste. Sie spiegeln die Seele wieder. Das muss reichen. Alles andere hat noch Zeit.« »Und du besitzt eine himmlisch gute Seele, ich weiß.« »Ich bemühe mich jedenfalls.« Alice zwinkerte ihr zu. »Ich meine das ernst. Zu gut manchmal. Und ich verstehe dich ja. Du hast Angst, er könne sich nur deswegen in dich verlieben, weil du bist, wer du bist.« »Quatsch! Verlieben?« Sie lachte kurz auf. »Daran … nein, daran dachte ich jetzt gar nicht.« Kathleen registrierte die ansteigende Wärme in ihren Wangen und wusste, dass sie rot wurde. Wieder zwinkerte Alice ihr zu. »Außerdem ist er ein Chaot.« »Was soll das denn heißen? Cedrick war dir immer zu penetrant, die Ordnung betreffend, und bei Paul beschwerst du dich? Typisch Frau. Du weißt auch nicht, was du willst.« Kathleen stutzte. »Doch! Ich meine nur …« »Schon okay, Kathi.« Alice half ihrer Freundin noch beim Auspacken der Bücher und machte sich dann zurück auf den Weg in ihre Praxis. Wieder alleine wagte Kathleen erneut einen Blick in Pauls Zimmer. Bei der ersten Inspektion war ihr das Buch, das unter einem Berg Hemden hervorlugte, nicht aufgefallen. Nun aber sprang es ihr in die Augen. Sie hielt kurz inne, schob sich die Ärmel der rosefarbenen Satinbluse hoch und wischte sich mit einer Hand über die Stirn. Dann lauschte sie. Kein Geräusch. Ihre Nervosität blieb. Sie drückte den Stapel Hemden ein Stück zurück und stutzte. So tötete ich meine Frau, lautete der Titel. Kathleen erinnerte sich unwillkürlich an die Gesprächsfetzen, die sie durch Pauls Tür aufgeschnappt hatte. Ihr wurde heiß und kalt zugleich. In ihrem Kopf kreisten die Gedanken. Sie kannte das Buch, hatte es zwar nicht gelesen, aber von ihm gehört. Es handelte sich um die selbst verfasste Rechtfertigung eines wegen besonderer Schwere der Schuld lebenslang verurteilten Mörders. Sein Buch verkaufte sich so schlecht, dass es nur diese eine Auflage gab. Die Menschen wollten ihn durch den Kauf seines Buches nicht auch noch finanziell unterstützen, zumal er sich im Recht sah. Seine Frau habe den Tod verdient. Kathleen schüttelte den Kopf. Dann hörte sie ein Klicken und Poltern. Sie erstarrte. »Shit!«, flüsterte sie. Sie zog die Hemden an ihren alten Platz und huschte in die Küche. Kurz darauf stand Paul in der Tür, mit diesem unvergleichlichen Lächeln und zwei Bechern Kaffee in den Händen. Kathleen fragte sich, ob sie nicht das Genre wechseln sollte. »Ich dachte, du möchtest vielleicht auch einen.
Du hast bestimmt wieder viel geschrieben. Hat es gut geklappt?« Kathleen versuchte, ruhig zu atmen. Ihr Herz schlug wild. Paul kam auf sie zu und reichte ihr einen der Becher, den sie mit einem dankbaren Nicken entgegennahm. »Nett von dir. Danke. Ja, es waren etliche Berichte zu tippen.« »Sieht aber so aus, als warst du joggen oder so.« Verwirrt starrte sie ihn an. »Du schwitzt.« »Oh! Ich wollte nur fertig werden und habe Gas gegeben.« »Diese Arbeit für das Schreibbüro, erfüllt dich das?« »Ja, tut es.« Kathleen nippte an ihrem Kaffee und schmunzelte. Paul hatte nicht vergessen, dass sie ihn mit Milch und Süßstoff mochte. Alice würde deshalb von einem eindeutigen Zeichen seiner Zuneigung sprechen. Sie hatte Paul erzählt, dass sie Schreibarbeiten für eine Firma erledigte und deshalb bequem von zu Hause aus arbeiten konnte. »Wir haben gar nicht darüber gesprochen, was du so machst oder gemacht hast«, nahm sie das Thema auf. Er spitzte die Lippen und zog eine Braue nach oben, so als wüsste er es selbst nicht mehr. »War bisher recht uninteressant. Verschiedene Jobs. Hier und da«, druckste er näher kommend herum. »Verrate es niemandem, aber ich habe früh die Schule geschmissen«, ergänzte er. »Wow. Oh!« »Ich bin Überlebenskünstler. Hey, keine Angst! Dein Geld bekommst du. Versprochen. Es ist auch schon was Neues in Aussicht. Etwas, das ich seit Ewigkeiten machen wollte. Meine Berufung, wenn du so willst.« Sie fühlte eine knisternde Anspannung im Raum, von der sie nicht wusste, ob sie ihr gefiel oder nicht. »Und was?« »Typisch frauliche Eigenschaft.« Kathleen zog die Stirn in Falten, woraufhin Paul zu lachen begann. »Na, ihr seid so was von neugierig. Aber wenn es soweit ist, dann erfährst du es als Erste. Versprochen.« Während er das sagte, lachte er so charmant, dass sie ihm nicht böse sein konnte. »Darauf bestehe ich auch«, erwiderte sie. Die Gedanken an das Buch hatten sich beinahe verflüchtigt.

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Nadine Stenglein

Hollfeld, germany

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