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Synopsis

Seit Jahrtausenden sind Seelenwächter auf der Jagd nach Wiedergängern, die das Seelenwachstum der Menschen stören und Seelen stehlen, um sie in ihresgleichen zu verwandeln und damit zu verdammen. Die junge Faye hat häufig beunruhigende Träume, in denen stets derselbe junge Mann vorkommt. Sie lässt sich in Hypnose versetzen, um mehr über den Unbekannten herauszufinden. Faye ahnt nicht, was sie damit in Gang setzt – denn der Mann ihrer Träume existiert tatsächlich, und die Liebe zu ihm begleitet Fayes Seele bereits durch die Jahrhunderte. Doch er ist nicht wie sie, sondern ein unsterblicher Vampir. Der für Fayes Schutz zuständige Seelenwächter setzt alles daran, diese Liebe zu zerstören, denn eine Verbindung zwischen Mensch und Vampir ist tabu. Doch Faye bricht die Regeln und nimmt den Kampf um ihre Seele auf.

Ein Roman mit neuartigen Vampiren, Seelenwächtern und einer Liebe die bereits Jahrhunderte überdauert. Alle bisherigen Leser waren begeistert, weil sie meinten, die Geschichte sei mal etwas ganz NEUES. 🙂

Trailer: https://youtu.be/zAZRnUuY5aM


Chapter 1

Aurelio

Aurelio

Silbern spiegelte sich der Vollmond auf der glatten Wasseroberfläche des Sees, in dessen Nähe wir unsere Zelte aufgeschlagen hatten. Ich ließ meine Blicke durch die grüne Landschaft schweifen. Es war schön und dennoch merkwürdig zugleich, denn je genauer ich sie mir betrachtete, desto bekannter kam sie mir vor. Ein Gefühl von wohliger Wärme durchschlich mich – ich wollte mehr davon und genoss daher jede Sekunde. Es war mir, als wäre ich schon einmal hier gewesen. Ich durchforstete meine Erinnerungen und nach einer Weile wurde ich tatsächlich fündig. Diese war allerdings aus einem Traum geboren und nicht wirklich. Ein Traum, in dem auch er wieder aufgetaucht war. Er, in den ich mich verliebt hatte, den es aber in Wirklichkeit nicht gab und der auch in all den Träumen, in denen ich ihm begegnete, kein gewöhnlicher junger Mann war. Nur, was genau er war, hatte ich irgendwie vergessen. Aber ich kannte seinen Namen – James. Ich sah sein hellhäutiges Gesicht mit den weichen, makellosen Zügen. Die vollen, blassroten Lippen. Und diese markanten Augen, in denen ein tiefblaues Meer wogte, in welches ich jedes Mal eintauchte. Wie ich es doch liebte, mit den Fingern in seinem kurzen schwarzen Haar zu wühlen; und die Art wie er sprach – seine Stimme klang sanft und elegant. Jedes Mal wenn wir uns küssten, musste ich mich auf die Zehenspitzen stellen, so groß war er. Ich presste eine Hand auf meine Brust und fühlte den schnellen Schlag meines Herzens. Aus den Tiefen meines Inneren kroch Sehnsucht empor, die ich mit nichts stillen konnte und die über mich schwappte wie stürmische Meereswogen, in denen ich zu ertrinken drohte.
James war mit keinem Jungen, dem ich bisher begegnet war, vergleichbar. Nach jedem Traum war alles, was mir von ihm blieb, dieses Gefühl der Sehnsucht. Vermischt mit der Hoffnung, ihn bald wiederzusehen, sobald ich die Augen schloss. Ich seufzte. Unsere letzte Begegnung war schon über ein halbes Jahr her.
»James«, flüsterte ich, als würde er sogleich lebendig aus dem Wasser tauchen, was natürlich Unsinn war. Kurz darauf berührte jemand meine Schulter. Ich schrie auf, fuhr herum und blickte in ein grinsendes, mit Sommersprossen übersätes Jungengesicht.
»John – bist du irre?«, stieß ich aus.
»Erwischt!«, antwortete er und rannte lachend zu den anderen zurück, die gerade dabei waren, einige Fackeln auf dem Zeltplatz zu entzünden. John ging in unsere Klasse und würde sich wohl nie ändern. Er war und blieb ein Kindskopf.
Ich wollte noch eine Weile meinen Gedanken nachhängen und lief am Waldrand entlang. Dank Dana, meiner besten Freundin, war ich hier mitten in diesem schönen Niemandsland gelandet. Letztendlich hatte sie mich überreden können, mit ihr und einigen anderen aus unserer Schule ins Sommercamp zu gehen, um etwas Abstand von zu Hause zu bekommen. Ich lauschte dem monotonen Zirpen der Grillen in den umliegenden Wiesen und atmete die langsam kühler werdende Luft tief in meine Lungen, während ich den Lichtkegel meiner Taschenlampe in den nahe gelegenen Wald eintauchen ließ. Unaufhaltsam und schnell brach die Dämmerung herein. Fledermäuse überflogen den See und zirpten dabei so laut, dass es mir beinahe in den Ohren schmerzte. Aus dem Wald schwebte mir ein Geruch nach Moos und Tannennadeln entgegen. Unter meinen Schuhen knackten Äste und aus einem Gebüsch drang der Flügelschlag eines Vogels. Meine Gedanken liefen Gefahr, wieder zu James zu wandern und erneut diese irreale Sehnsucht hochzuspülen, da streifte der Kegel meiner Taschenlampe eine dunkle Gestalt, die zwischen zwei Laubbäumen stand. Augenblicklich hielt ich inne. Mein Herz machte einen Satz und die Gedanken flogen durcheinander. Langsam und mit zittriger Hand ließ ich den Lichtkegel zurückschweifen. Da war die Gestalt wieder, ich hatte es mir nicht eingebildet. Schweiß trat aus all meinen Poren. Hitze- und Kältewellen überflossen abwechselnd meinen Körper. Ich war nicht einmal imstande zu schreien, geschweige denn, einen Atemzug zu machen. Nur wenige Schritte trennten mich von der Gestalt, die ihrer Silhouette nach männlich und in etwa so groß wie ich war. Ich musste schlucken und trat leise einen Schritt zurück. Dabei ließ ich das Ding nicht aus den Augen. War es nun gut oder schlecht, dass es sich immer noch nicht rührte? Wahrscheinlich würde es gleich auf mich zuspringen und mich packen. Schwindel überkam mich. Die anderen aus meiner Gruppe waren nicht weit weg, ich hörte ihre Stimmen, ihr Lachen und das Prasseln des Lagerfeuers. Verdammt, reiß dich zusammen und lauf einfach!, rief ich mir innerlich zu, wirbelte herum und rannte los. Hinter einem Haselnussstrauch tauchte plötzlich Dana auf und steuerte direkt auf mich zu.
»Du musst mir helfen!«, schrie sie. Taylor, ein Junge aus unserer Parallelklasse, war ihr dicht auf den Fersen und zog sie zu sich.
Ich fuchtelte wie eine Irre mit den Armen und zeigte schließlich hinter mich. »Im Wald, da …«, brachte ich heraus, wurde aber von Dana unterbrochen.
»Der Typ ist nicht ganz dicht. Halt ihn mir vom Leib, Faye!«, schrie sie, lachte aber gleichzeitig.
»Das gefällt dir doch, gib’s zu!«, entgegnete Taylor und lachte ebenfalls. Dana konnte sich seiner Umklammerung schließlich entreißen und rannte mir in die Arme. Ich stieß sie von mir und leuchtete mit zittrigen Händen wieder in den Wald. Erstaunt stellte ich fest, dass die Gestalt noch immer an Ort und Stelle stand – reglos, still. Meine Stimme kehrte wieder und ich rief: »Da ist jemand!«
Dana und Taylor hielten augenblicklich inne. »Wo?«, fragte Taylor, nahm mir die Taschenlampe ab und trat vor uns.
»Bestimmt nur ein Schatten. Ich meine …«, flüsterte Dana, woraufhin Taylor mit einer Hand abwinkte und ihr damit andeutete, den Mund zu halten, was sie seltsamerweise sofort tat.
»Psssst. Faye hat recht«, murmelte er.
Danas Augen weiteten sich. Gleichzeitig versteckten wir uns hinter Taylors durchtrainiertem Rücken und warfen einen Blick über seine Schultern. Einer Statue gleich, verweilte die Gestalt weiter an ihrem Platz, und es kam mir beinahe so vor, als würde sie sich lustig über uns machen und insgeheim einen Plan aushecken, wie sie uns alle drei am besten gleichzeitig einfangen könnte.
»He! Wer bist du, was willst du?«, fragte Taylor und marschierte heldenhaft los.
»Nicht!«, rief ich.
Dana versuchte, ihn zurückzuhalten, doch Taylor war schneller.
Ich ergriff sie am rechten Oberarm und zog sie zurück. »Komm, wir holen die anderen«, stammelte ich und machte kehrt. Dana folgte mir sofort. Nach einigen Schritten verfingen sich meine Füße in herumliegendem Geäst, sodass ich den Halt verlor und zu Boden knallte. Gleich darauf spürte ich, wie jemand auf mich fiel. Es war Dana.
»Au! Verdammt«, keuchte ich.
»Sorry«, nuschelte Dana.
Meine Finger bohrten sich in die kühle Erde. Hinter uns hörten wir einen hellen, durchdringenden Aufschrei – es war Taylor. Meine Schläfen begannen zu pochen, und das Blut schien in Lichtgeschwindigkeit durch meine Adern zu fließen, sodass es sich anfühlte, als wären dort unzählige Ameisen unterwegs.
»Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott«, murmelte ich und versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Meine Stimme klang wie ein Wispern. Dana war schneller und zog mich hoch. »Taylor? Taylor!«, schrie sie. Aus dem Wald drang ein Rascheln und wenig später ein seltsames Schlürfen und Keuchen, dann war es still.
»Ich hol die anderen«, murmelte ich. Dana klammerte sich an mir fest. »Lass mich hier nicht zurück«, stammelte sie. Wir wollten gerade loslaufen, da hörten wir ein Auflachen, das sich tief in mich bohrte und mir einen imaginären Fausthieb versetzte. Im Schein des Vollmondes trat Taylor, etwas in den Armen haltend, zu uns. Ich brauchte einige Sekunden, um mich zu beruhigen und zu begreifen, dass das alles nur ein dummer, fieser Streich gewesen war. Noch immer zitternd ging ich, gefolgt von Dana, auf Taylor zu und berührte »die Gestalt«, die er ruckartig neben sich abstellte, mit meinen Fingern.
»Eine Pappfigur! Was …?«, stotterte ich, während Dana den Kopf schüttelte und die Hände in die Hüften stemmte. Sie atmete zittrig aus und strich sich mehrfach mit dem Handrücken über die Stirn.
»Eigentlich war das anders geplant. Aber so war‘s auch lustig«, sagte Taylor und straffte die Schultern.
»Mistkerl!«, schimpfte Dana. Sie hämmerte mit den Fäusten auf seinen nackten Oberkörper ein.
»Das war nicht witzig«, entgegnete ich und kickte mit dem Fuß gegen das Pappmonster.
Taylor lachte, während andere aus der Gruppe zu uns stießen und wissen wollten, was los sei. Die Jungs begannen zu lachen, als sie es hörten.
Dana und ich liefen zum See, um uns zu beruhigen. Die Jungs riefen uns kichernd eine Entschuldigung nach.
»Wir hätten einen Herzinfarkt bekommen können oder so. Ihre blöden Gesichter hätte ich dann mal sehen wollen«, sagte Dana und ich stimmte ihr zu. Die Fledermäuse von vorhin drehten noch immer ihre Runden. Plötzlich musste ich lachen, was Dana merklich seltsam fand.
»Was ist?«
»Die Jungs wollten uns wohl zeigen, was für große Helden sie sind. Stell dir vor, da wäre wirklich einer gewesen. Taylor wäre doch keinen Schritt auf den zugegangen. Keiner von denen. Wetten?«
»Stimmt, die hätten sich alle gleichzeitig in die Hosen gepinkelt. Da ist ‘ne Revanche fällig«, erwiderte sie.
»Aber hallo!«
Dana und ich ließen uns auf der Wiese nieder und hörten, wie die Jungs zum Lagerfeuer zurückkehrten, während ihnen die anderen Mädchen folgten und ihnen eine Predigt hielten, die sich gewaschen hatte.
Wir waren an die zwanzig Leute. Die meisten unter ihnen kannte ich nur flüchtig aus der Schule. »Lass sie lachen, denen zeigen wir es schon noch«, sagte Dana. Ich streckte die Beine von mir und blickte in den sternenübersäten Himmel. Mein Herzschlag normalisierte sich wieder.
Endlich waren Sommerferien. Nächstes Jahr um die Zeit hatte ich voraussichtlich meinen Abschluss in der Tasche. Dann würde ich die Kleinstadt, in der ich mit meinen Eltern wohnte, verlassen und vielleicht Kunst in London studieren. Auf alle Fälle wollte ich später etwas Kreatives machen. Ich seufzte tief und strich mit den Fingern über das weiche Gras. Wenn ich allerdings an Mathe dachte, sah ich schwarz. Ohne Nachhilfe würde ich in dem Fach sicher durchrasseln. Schließlich schüttelte ich den Kopf über mich selbst. Warum konnte ich nicht einfach mal abschalten und die Freiheit genießen?
»Gehen wir zu den Mädels?«, fragte Dana. Sie konnte nie lange irgendwo still verweilen.
»Ich komm nach«, sagte ich. Wenig später hörte ich sie lachen. Sicher ging sie wieder ihrem Lieblingshobby nach – mit Jungs flirten. Ich war kaum auf den Beinen, da kam sie mir bereits entgegen, gefolgt von David, der sie schließlich mit seinen Armen umschloss.
Kreischend löste sie sich aus den Fängen des rothaarigen Typen mit der Figur einer Bohnenstange und den Ohren eines kleinen Schimpansen. Dana rannte zu mir.
»Der hat mich einfach nass gespritzt! Frechheit!«, schrie sie und umgriff von hinten meine Oberarme mit ihren feuchten Fingern. Dabei drückte sie ihren, immer noch nur mit einem quietschgelben Bikini bekleideten, nassen Körper gegen meinen Rücken und sprang dabei leicht auf und ab. Ich zuckte zusammen, als mich die Kälte ihrer Haut durchdrang, und ging zur Seite. David kam näher, stellte sich vor mich und fixierte mich grinsend. Dana kicherte und schüttelte ihre blonden schulterlangen Locken. Den düsteren Scherz von vorhin hatte sie anscheinend vergessen.
»Ich glaub, ich hab mich gerade in deine grünen Augen verliebt«, murmelte er mir zu.
Noch so ein Girl-to-Girl-Typ. Mit dem Sommer war zweifelsohne eine Plage ausgebrochen. In letzter Zeit begegnete man solchen Möchtegern-Machos an jeder Ecke. Kein Wunder also, dass einem da – nun, mir zumindest – die Lust auf das Verlieben verging. Meinetwegen konnten sie mich also weiter für hochnäsig, seltsam oder gar frigide halten – aufgrund dieser Auswahl blieb ich lieber Single.
»Schön für dich«, antwortete ich ihm, woraufhin Dana sogleich auf ihn zusprang. Genervt lief ich weiter.
»Tja, David, bei ihr beißt du auf Granit. Da hat noch keiner landen können«, erklärte Dana.
»Dafür bist du so anhänglich wie Honig. Aber auch gut, hab sowieso keine Lust auf Diven.«
»Sag bloß, du hast auch keine Lust zu naschen«, säuselte Dana.
Ich wusste, dass sie Davids lässige Äußerungen nicht ernst nahm, genauso wenig wie den Flirt mit ihm. Sie wollte nur Spaß und obwohl wir nicht nur in Sachen Jungs verschiedener Meinung waren, waren wir dennoch unzertrennlich – beinahe wie Schwestern.
Ich ging ein Stück am See entlang.
»Faye, das Marshmallow-Wettessen fängt bald an. Kommst du?«, wollte Dana wissen.
»Ja, gleich!«, gab ich zurück.
Mein Blick schweifte wieder durch die Umgebung. Das Camp lag etwa hundert Kilometer von unserer Kleinstadt entfernt. In der Nähe gab es ein kleines Dorf mit einer Bäckerei, in der wir in den nächsten sieben Tagen jeden Morgen Brötchen und Gebäck holen wollten.
Ich mochte diese Naturidylle, die ich am liebsten für mich allein gehabt hätte. Es war, als wäre ich in den Traum mit James eingetaucht und er wäre hier irgendwo. Ein Kribbeln durchströmte mich. Ich zwang mich zur Vernunft, war es doch lächerlich, weil unlogisch und verrückt. Wie konnte man Sehnsucht nach jemandem haben, der nur in Träumen existierte?
Ich musste wieder an die letzten Monate denken, die sehr stressig gewesen waren. Die dauernden Zankereien meiner Eltern um viele Unwichtigkeiten, der Schulstress und allgemeine Sorgen hatten mir einige unruhige Nächte und Tage bereitet. Dana hatte recht, ich musste irgendwie runterkommen und abschalten. Ich streckte die Arme von mir, hob den Kopf gen Himmel und atmete ein paar Mal tief durch.
Relaxen, Faye, chillen und relaxen, wiederholte ich für mich. Als ich gerade beschloss, zu den anderen zu gehen, tauchte im Schatten einer nahe gelegenen Lichtung eine männliche Silhouette auf. Was sollte denn das nun schon wieder? Hatten die Jungs nichts Besseres zu tun? Ich stöhnte auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Wenigstens war er dieses Mal lebendig. Mit langsamen Schritten kam er auf mich zu. Genervt tippte ich mit einer Fußspitze auf den Boden. Gleich einem Scheinwerfer tauchte der Mondschein die Gestalt in sanftes Licht. Von der Statur her war er sportlich und mindestens einen Kopf größer als ich. Ich hielt inne und zog die Brauen zusammen. Moment mal … kein Junge aus unserem Camp war so groß. Mein Herz begann heftig gegen die Rippen zu pochen. Der gehörte nicht zur Gruppe des Sommercamps. Die Aura, die ihn umgab, schien Eiskristalle in mein aufwallendes Blut zu streuen und es gefrieren zu lassen. Ich wollte schreien, doch kein Ton entwich meiner Kehle und meine Füße waren wie angewurzelt. Dann schoss mir ein neuer Gedanke durch den Kopf, der mein Gehirn völlig vernebelte. Nein, das konnte nicht er sein. Oder? Ich träumte doch nicht?

Noch ein Ausschnitt aus einem weiteren Kapitel des Buches (ca. Mitte) – Faye erlebt sich in einem früheren Leben durch eine Rückführung.

Nur ein Traum?

Unter meinen nackten Füßen spürte ich das kalte Pflaster des Marktplatzes einer kleinen Stadt, auf dem reges Treiben herrschte. Um den Marktplatz herum standen dicht an dicht meist alte, verwitterte oder teils zerfallene Häuser, an denen hier und da die Fassade bereits abblätterte. Der Geruch von überreifen Äpfeln und Fisch stieg mir in die Nase. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite verkaufte ein älterer grauhaariger Mann Obst und Getreide. Seine mit Flecken übersäte, schwarzgraue Hose und das eierschalenfarbige Hemd waren viel zu groß für seinen dünnen Körper. Er winkte mir, als er mich sah. Obwohl er eher ernst dreinblickte, wirkte sein Gesicht weich. Sein Anblick löste ein warmes Gefühl in mir aus, das mich mit Geborgenheit erfüllte.
»Vater!«, rief ich und lief ihm entgegen. Er sah nicht aus wie Paps, aber ich wusste dennoch definitiv, dass er mein Vater war und ich unbedingt seinen Rat brauchte.
Ich rannte beinahe einen alten Mann um, der, auf einen Stock gestützt, meinen Weg kreuzte.
»Pass doch auf, du Gör!«, zischte er.
Ich murmelte eine eilige Entschuldigung und lief weiter. Mein Vater empfing mich mit offenen Armen und drückte mich an seine Brust. Das Schlagen einer Kirchenglocke hallte durch die Stadt. Ihr Klang ertönte nicht, wie ich es sonst von Kirchenglocken gewohnt war, sondern in längeren Abständen. Mit jedem Schlag pochte mein Herz heftiger und in meinem Hals bildete sich ein Kloß, der mir die Luft abzuschnüren schien. Innerlich zählte ich die Schläge mit, die Peitschenhieben gleich meine Seele malträtierten.
Eins – Paps schob mich sanft von sich. Tränen spiegelten sich in seinen Augen. Zwei – ich wollte und musste weiter; spürte, dass James mich brauchte. Nur, in welche Richtung sollte ich gehen? Ich wusste es nicht – nicht genau. Drei – Der Alte schüttelte den Kopf, als hätte er meine Gedanken gelesen und ergriff fest meine Oberarme mit seinen knochigen Fingern. Vier – Ich drehte mich um. Ein paar Meter weiter traten zwei dickliche Männer in schwarzer Robe auf ein hölzernes Podest zu, um das sich schnell ein Meer aus tuschelnden Menschen versammelte. Kein Zweifel – es war ein Galgen. Ich hatte ihn vorhin gar nicht bemerkt. In dem Moment wusste ich, dass ich James gefunden hatte und ein Zittern durchfuhr mich. So heftig, dass ich mich kaum auf den Beinen halten konnte. Irgendwie war mir bewusst, dass er es war, der dort als Nächster hängen sollte. Beim fünften Glockenschlag sah ich ihn. Die Menge teilte sich. Manche spuckten in seine Richtung. Um seine Hüfte, Hände und Füße hatte man ihm schwere Ketten gelegt. Er hielt sich aufrecht. Zwei Männer begleiteten ihn und schirmten die hungrige Meute ab, die ihn sonst wohl zerrissen hätte. Seine Kleidung – ein ehemals weißes Hemd und eine beigefarbene Hose – waren zerschlissen und stark verschmutzt und er ging barfuß. Ein paar seiner schwarzen Haarsträhnen hingen ihm in die Stirn, die, wie auch der Rest seines Gesichts, mit roten Striemen übersät war. Plötzlich war mir klar, weshalb man ihn hängen wollte. Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt, mein Magen schnürte sich zusammen.
»Er hat die Fische nicht gestohlen. Ich war es … ich allein. Du weißt, dass sie uns zustehen. Du hast hart für den alten Schurken gearbeitet, es wäre dein Lohn gewesen. Er ist es dir schuldig«, hörte ich mich sagen, woraufhin mir mein Vater eine Hand auf den Mund drückte. Ich wollte mich von ihm losreißen, James helfen, doch er hielt mich so fest, dass ich nicht davonkam. Ich wusste, dass er es nicht böse meinte und auf meiner Seite war. Seine grauen Augen waren starr auf mich gerichtet, erfüllt mit Angst.
»Sei vernünftig, Kind. Oder willst du, dass sie dich auch noch hängen? Schweig still«, flüsterte er und drückte meinen Kopf grob an seine Brust.
»Schau nicht hin.« Seine Hände zitterten und ich hörte, wie die Leute jubelten. In der Menge entdeckte ich ein paar Frauen, die sich auf einer Holzbank niederließen, Wolle und Nadeln auspackten und in aller Ruhe zu stricken begannen, während sie tuschelnd und lachend auf die Hinrichtung warteten. War es für sie nichts weiter als ein Unterhaltungsprogramm am Nachmittag? Nein, ich konnte nicht einfach ruhig hier verweilen und warten, dass man James das antat. Ich musste zu ihm. Mit einem Ruck befreite ich mich aus der Umklammerung meines Vaters und stürzte auf die Menge zu. Schweiß- und Modergeruch stieg mir entgegen.
»Amalia … nicht. Amalia!«, rief Paps mir nach.
»Ich kann nicht anders«, antwortete ich ihm, glaubte aber nicht, dass er es hörte.
Es gab kein Zurück, ich musste wenigstens einen Versuch wagen und es war mir verdammt noch mal egal, ob es mich das eigene Leben kosten würde. Ich hatte Schuld an dem, was hier geschah. James durfte sich nicht meinetwegen opfern. Ich sollte dort oben stehen. Auch wenn ich mich nicht wirklich daran erinnern konnte, wie und wann ich die verfluchten Fische gestohlen hatte, war ich mir dennoch sicher, dass ich es getan hatte. Ich wollte mich stellen und ich hatte keine Angst vor dem Tod. Vielleicht würde James dann ja auch endlich tun, wonach ich mich schon lange sehnte. Ich versuchte, mich zu erinnern, was genau dies war, scheiterte jedoch. Im Grunde war es nebensächlich, denn das sichere Wissen, dass es uns für ewig verbinden würde, genügte mir.
Eine junge Frau mit Wespentaille, gekräuseltem blonden Haar und einer weißen Haube auf dem Kopf griff nach meinen roten langen Locken und zog mich daran zurück. In meiner Verzweiflung schlug ich nach ihr wie ein kleines hilfloses Kind. Meine Hiebe trafen allerdings ins Nichts. Augenblicke später erschien eine ältere rundliche Dame neben ihr. Flink und grob umfasste sie meine Taille und lachte mir ins Ohr. »Dummes Ding«, sagte sie, während die Jüngere mir eine Ohrfeige verpasste. Ich blickte sie an. Ihr Gesicht war bleich wie das einer Porzellanpuppe. Die beiden gehören zu James, durchfuhr es mich. Ich wusste sogar ihre Namen. Die dickliche hieß Elvira und die andere Zelda. »Er kann nicht sterben«, flüsterte Zelda. »Nicht auf diese Weise. Hast du das etwa vergessen? Sie werden ihm ja den Kopf nicht abhacken oder ihm etwas in den Hals rammen, ihn nur ein wenig drosseln. Das spürt er doch gar nicht. Also, fall nicht auf, sei still, wenn ihr noch Zeit zusammen verbringen wollt, Amalia. Er will, dass du am Leben bleibst. Auch für deinen Vater. Es ist wichtig. Denk an deine Seele!«
»Ich will so sein wie er, wie ihr. Dann kann uns nichts mehr geschehen«, flehte ich.
»Das wird er nicht tun, keiner von uns. Du sollst deine Seele behalten, so wie sie ist, sie muss noch wachsen. Ich wünschte, ich hätte die meine noch ganz für mich. Also sei nicht töricht. Schweig und halt still.«
Ihre Worte lösten einen Gewittersturm in meinem Kopf aus. Einerseits hatte ich das Gefühl zu wissen, was sie bedeuteten, und fragte mich, wie ich vergessen konnte, dass James im Grunde unsterblich war. Andererseits aber konnte ich mir keinen Reim auf das Ganze machen. Es war, als würden zwei Existenzen in mir wohnen, die sich überschnitten und alles Wissen wirr durcheinanderwürfelten. Abermals versuchte ich, mich aus der Umklammerung der beiden Frauen zu lösen und meiner inneren Stimme zu folgen, die mich weiter vorantrieb, da hörte ich, wie jemand meinen Namen sagte – wieder und wieder, laut und flehend. Die Umgebung um mich verschwamm zunehmend, bis ich nichts mehr außer einem grauen Schleier sehen konnte.

Voting Opens
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Nadine Stenglein

Hollfeld, germany

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